Ökobilanzen

Ökobilanzen sollte man nie unreflektiert nutzen, ausschreiben oder in Gebäudebilanzen einsetzen, sonst landet man unter Umständen schnell bei einer völlig unrealistischen Einschätzung der Umweltsituation, die mit realen Verhältnissen nur noch wenig zu tun hat.
 
Ausschreibende sollten sich auch darüber im Klaren sein, dass man mit Ökobilanzen keine Umweltverbesserung erreicht, denn sie beschreiben nur einen Zustand, beispielsweise wie eine Inhaltsangabe auf einer Verpackung. Der Ausschreibende müsste dann selbst einstufen ob das ein guter Zustand ist oder nicht, was in der Regel so nicht möglich ist und auch nicht die Intention von klassischen Ökobilanzen ist.

 

Einleitendes

 

Es gibt unterschiedliche Ansätze, die Umweltwirkung von Produkten abschätzen zu können. Sie unterschieden sich in der Vorgehensweise.

 

Im Wesentlichen sind hier zu nennen: Umweltlabel (Umweltzeichen Typ I, ISO 14024) sowie Ökobilanzen bzw. Umweltproduktdeklarationen (Umweltzeichen Typ III, ISO 14025).

Umweltlabel bewerten Produkte anhand von Kriterien und kontrollieren die Einhaltung der gesetzten Kriterien. Sie zielen auf die Einhaltung bestimmter Umweltwirkungen ab (z.B. nachhaltige Waldwirtschaft, Klima, Gesundheit usw.). Umweltlabel erreichen eine echte Umweltverbesserung. Umweltlabel werden fremdüberwacht und sind keine Selbstaussage von Betrieben.

Umweltproduktdeklarationen stellen definitionsgemäß keine Wertung von Produkten dar, sondern nur eine Dokumentation. Sie haben damit auch nicht primär das Ziel, eine Beschaffungs- oder Kaufentscheidung zu vereinfachen. Sie sind zwar umfassender im Ansatz und den behandelten Parametern, aber sie bergen eine Reihe von Einschränkungen und Problemen. Besonders wichtig ist aber, dass sie selbst systemimmanent nicht darauf ausgerichtet sind eine reale direkte Umweltverbesserung zu erreichen. 

Was sollten Kommunale Beschaffer und Bauträger bei der Anwendung von Ökobilanzdaten unbedingt bedenken

Ein wichtiges Ziel bei der Weiterentwicklung von Ökobilanzen wäre es generell, dass auch die Nutzer von Ökobilanzen, wie die Kommunen, die hier genannten Umweltdaten einer EPD nicht nur einfach zur Kenntnis nehmen müssten, sondern diese nachvollziehen könnten. Nur so könnten Sie nämlich erst die Daten die hier genannt werden, in den echten Vergleich stellen und nur so könnten Sie eine reale Umweltverbesserung aufgrund einer Beschaffungsentscheidung erreichen, die auf Ökobilanzdaten basiert.

Auch die Nutzer von Ökobilanzen wie Kommunale Beschaffer und Planer sollten also verstehen können, wie die Zahlen die hier genannt sind, entstanden sind. Ansonsten besteht die Gefahr, dass beispielsweise Umweltdaten von Holzprodukten deren Stoffstrom im Wald anfängt, verglichen werden mit Umweltdaten von Kunststoffprodukten deren Stoffstrom möglicherweise im Granulatsilo im Hamburger Hafen (und nicht mit der Ölförderung) anfängt, oder ähnliches. 

Bedenken Sie als Beschaffer auch folgendes:

  • Gutachter einer Ökobilanz bestätigen mit ihrer Unterschrift unter einer EPD, dass die Ökobilanz ISO konform umgesetzt wurde und nicht, ob die enthaltenen Daten, Annahmen, Berechnungen und Aussagen plausibel sind und auch nicht ob sie realistische Vorketten abbilden (das ist für einen Gutachter der die Eingangsgrößen nicht vorliegen hat oder nicht aus der jeweiligen Branche stammt auch gar nicht möglich).

  • Das gilt vor allem für die Transporte in den Vorketten, weil diese üblicherweise mit Standarddatensätzen berechnet werden, welche die Transporte in den gesamten Vorketten in der Regel systemimmanent stark unterschätzen.

  • Wenn Sie eine echte Umweltwirkung mit Ihrer Beschaffung erreichen wollen, können Sie auch nicht einfach Ökobilanzdaten aus einer EPD die für deutsche oder maximal mitteleuropäische Verhältnisse erstellt wurde (wie bisher die meisten klassischen Ökobilanzen) anwenden, wenn Sie nicht wissen, woher das Produkt stammt das Sie beschaffen.

  • Eine EPD ist kein Herkunftsnachweis für ein Produkt das Sie ausschreiben. 

  • Die Herkunft zu kennen wäre aber enorm wichtig zur Abschätzung der Umweltwirkung eines Produktes. Systemimmanent erfassen Ökobilanzen NICHT die Lebenszyklusphase A4 (gate to customer), also die Transporte von letzten Verarbeitungsschritt bis zum Einsatzort des Produktes. Für die reale Umweltwirkung ist es aber enorm wichtig, ob beispielsweise die Platte die Sie bestellen aus Mitteleuropa stammt oder aus sehr langen Wegen aus China.

 

 

Schwierigkeiten der Einstufung von einzelnen Ökobilanzen für reale Beschaffungsvorgänge 

 

Zuerst einmal sollten Beschaffer wissen, dass in klassischen Ökobilanzen systemimmanent nur quantitative mengenbezogene Aspekte bewertet werden und keine qualitativen Aspekte. Solche qualitativen Aspekte können jedoch für die reale Umweltwirkung eines Produktes systemisch wesentlich bedeutsamer sein als quantitative Aspekte.


Die typischen nackten Zahlen in klassischen Ökobilanzen sind zudem nicht geeignet, um für Ausschreibende in Kommunen, Bauämtern und deren Planer die Bedeutung der Umweltwirkung zu veranschaulichen und greifbar zu machen. Ein Laie (und das sind alle Personen außer dem Ersteller der Ökobilanz oder Personen die sich nicht seit langem mit Ökobilanzen beschäftigen) kann z.B. überhaupt nicht beurteilen, ob z.B. 10,111111 kg CO2-Äquivalent viel sind und ein Problem darstellen oder nicht.

 

Anwender brauchen ein System das Ihnen Werte direkt in den Vergleich stellt, um in der Praxis so eine direkte Entscheidung für oder gegen ein Produkt aus Umweltgesichtspunkten treffen zu können.

 

Aber auch im Vergleich zwischen verschiedenen Ökobilanzdaten wird dies nicht wirklich deutlich. Was beispielsweise bedeutet ein Wert von 10,1111 im Vergleich zu 13,11222, außer, dass der eine leicht höher und der andere leicht niedriger ist. Aber gibt es auch Werte von 1333,1111 und was bedeutet das dann?

 

Viele Umweltwirkungen in klassischen Ökobilanzen sind zudem von den reinen Zahlen her so niedrig, dass sich jeder Anwender fragt: „spielt das überhaupt eine Rolle? Was sagt beispielsweise ein Wert für ADP von 0,000045678 kg Sb-Äquivalent aus?

 

Andere sehr wichtige Umweltwirkungen hingegen, wie z.B. Verlust an Biodiversität, Einschlag in Primärwäldern, Havarien, gefährliche Abfälle bei der Rohstoffgewinnung wie beispielsweise Rotschlamm bei der Bauxitgewinnung oder ähnliches und sonstige Umweltbelastungen durch den Rohstoffabbau sind nicht Bestandteil von Ökobilanzen, auch wenn sie weitaus bedeutender sein können als z.B. Versauerungs- oder Eutrophierungspotential.

 


 

Ökobilanzen nicht unreflektiert nutzen

 

Warum reichen klassische Ökobilanzen nicht aus, um eine umfassende Beschreibung der öko-sozialen Wirkung eines Produktes zu ermöglichen?


Im Rahmen verschiedener Studien und Projekte wurden vom Herausgeber dieser Plattform immer wieder verschiedenste vorhandene Ökobilanzen und Umweltproduktdeklarationen, insbesondere von Bauprodukten, analysiert in dem Versuch, belastbare und vergleichbare Informationsquellen zu Umweltwirkungen zu identifizieren.

 

Dabei zeigten sich immer wieder verschiedene Schwierigkeiten, die  sich auch in zahlreichen Gesprächen mit Umweltgutachtern und Experten bestätigt haben.

 


(1) Aggregation von Werten "A1-A3" müssen als „Black-Box-Datensätze“ gelten
 

 

In Ökobilanzen wird in der Regel unter Lebenszyklusphase „A3“ der letzte Produktionsschritt behandelt, während alle anderen Produktionsschritte der Vorketten laut Ökobilanzgrundlagen in der Regel  im Lebenszyklusabschnitt „A1“ subsummiert sind. Problematisch bei vielen Ökobilanzen ist, dass hier die Lebenszyklusphasen A1, A2 und A3 zusammen gefasst (A1 - A3) und nicht getrennt ausgewiesen sind. Hinsichtlich der verwendeten Datensätze, der getroffenen Annahmen und der angewandten Rechenschritte stellen sie eine Black Box für Nutzer der Daten dar. Ein Nutzer kann hier die Bilanzdaten nicht für A1, A2 und A3 getrennt nachverfolgen. Der Vergleich von "Black-Box-Daten" mit anderen Daten ist schwierig bis unmöglich.

 


(2) Oft unklarer Bilanzraum und mangelnde Überprüfbarkeit und Vergleichbarkeit  
 

Auch wenn generische EPD pauschal konstatieren, dass alle Vorketten berücksichtigt wurden, bleibt für den Nutzer oder den Ausschreibenden nicht nachvollziehbar, ob tatsächlich und wie genau alle Vorketten berücksichtigt sind.

 

Klassische Ökobilanzen werden in der Regel mit Computerprogrammen erstellt, die bei der Berechnung auf Standarddatensätze zurückgreifen. Diese Standarddatensätze werden oft, mangels anderer verfügbarer Daten, für das Rechnen mit dem Programm eingesetzt, aber von den Nutzern der Computerprogramme in der Regel nicht mehr auf ihre Plausibilität geprüft (was sie meist auch gar nicht könnten). Solche Standarddatensätze stammen aus verschiedenen, teils öffentlichen, teils kostenpflichtigen Datenbanken wie z.B. Ecoinvent, GEMIS 4.4, PROBAS, Umberto library, US life cycle inventory database und zahlreichen anderen Institutsdatenbanken.

Die Annahmen und Rechenschritte in Ökobilanzen können, ohne Kenntnis, welche Daten zum Rechnen in den Programmen genau verwendet wurden, nicht überprüft werden. Die Berechnungswege sind für den Nutzer eine „Black Box“.

 

Standardmäßig steht dann in den EDV-Ausgabe-Dokumenten zu jeder Ökobilanz zwar „es wurden alle Vorketten“ berücksichtigt“, man kann diese Behauptung aber anhand der Angaben im EPD Dokumenten als Nutzer nicht mehr überprüfen. Deshalb können viele Ökobilanzdaten auch nicht einfach miteinander verglichen werden. Auch die Anwendung auf andere Zusammenhänge oder beispielsweise andere, praxisnähere, Vorketten ist damit schwierig bis unmöglich.


(3) Probleme bei Standarddatensätzen zu Strom und Wärme
 

Ökobilanzen basieren ganz wesentlich auf dem Verbrauch von Strom und Wärme in der Produktion. Ökobilanzen benutzen in der Regel Standarddatensätze für die Berechnung der Umweltwirkung beim Strom und Wärmeverbrauch, denen Daten zum Strommix des jeweiligen Landes des letzten Produktionsschrittes zugrunde liegen.

 

Bei vielen Ökobilanzen werden diese Standarddatensätze für Strom sowie thermische Energie und Prozessdampf zugrunde gelegt. Das heisst, unabhängig davon wo die Vorprodukte produziert wurden, wird, wenn der letzte Fertigungsort beispielsweise Deutschland ist, der „Strommix Deutschland“ eingesetzt. Das ist auch folgerichtig, da eine Ökobilanz ja in der Regel keine Aussagen über den realen Stoffstrom und die Herkunft der Vorprodukte machen kann.

 

Viele deutsche Ökobilanzen benutzen auch andere Strommixe. Üblich sind auch Datensätze die durchschnittliche Verhältnisse in Europa angeben (EU-28 oder EU-15). Je nach Datensatz kann hier eine Ökobilanz deutlich besser oder schlechter ausfallen, bei gleichem Verbrauch an Strom und Wärme. Das heißt aber auch, jeder Betrieb der sich hier in der Realität hervorhebt, indem er beispielsweise Ökostrom bezieht, oder Strom aus der eigenen Solaranlage oder Wärme aus den eigenen Holzabfällen oder anderes, kann sich hier nicht bzw. kaum hervorheben, außer, es werden nicht einfach Standarddatensätze verwendet und diese Unterschiede werden in der Ökobilanz einbezogen und transparent dargelegt.


(4) Unterschätzung von Transporten
 

In Standardökobilanzen bedeutet die Lebenszyklusphase A1 oft, dass hier der gesamte Umweltfootprint der Vorprodukte durch die genutzten Computerprogramme eingerechnet ist und nicht nur die Gewinnung des Urrohstoffes, wie man aufgrund der Beschreibung „A1 = Rohstoffgewinnung“ vermuten würde.

 

Aufgrund der Tatsache, dass bei der Erstellung einer EPD mit üblichen Computerprogrammen (z.B. Gabi Software von PE International) und mit Standarddatensätzen für die Vorprozesse gerechnet wird und viele EPD die Lebenszyklusphasen A1-A3 zusammen fassen, was auch bei Standarddatensätzen von Vorprodukten der Fall ist, werden die Umweltwirkungen dieser Vorprodukte in der Regel der Lebenszyklusphase A1 zugeordnet. Wird beispielsweise eine EPD für die Herstellung von Fensterrahmen erstellt und PVC-Granulat ist als Vorprodukt definiert, so wird die gesamte Umweltwirkung der Herstellung von PVC-Granulat (A1-A3) zusammengefasst und in der Fenster-EPD der Lebenszyklusphase A1 vom Computerprogramm verrechnet. Aus den klassischen Ökobilanzdaten kann daher nicht A1 getrennt dargestellt werden.

 

In klassischen Ökobilanzen wird bei den Transporten oft mit Standarddatensätzen gerechnet. Eine Analyse von etwa 70 Bauprodukten EPD, die A1, A2 und A3 getrennt ausweisen (Bruckner und Strohmeier, 2019) zeigte, dass hier materialunabhängig üblicherweise Transportentfernungen von 50 - 500 km angesetzt werden, was mit realen Transporten im gesamten Stoffstrom der Vorketten von vielen Produkten nichts zu tun hat. So kommen beispielsweise manche der Rohstoffe oder Vorprodukte der analysierten EPD‘s gar nicht im betrachteten Produktionsland vor (z.B. Bauxit). Damit wird der Aspekt der Transporte in den Vorketten der meisten Produkte mit Ökobilanzdaten systemimmanent sehr stark unterschätzt.

 

Generell kann man nur dann davon ausgehen, dass alle Transporte berücksichtigt wurden, wenn in einer Ökobilanz die angesetzten Transportentfernungen (km) und die angesetzte Transportlast (t*km) inklusive der angesetzten Allokationsschritte transparent und nachvollziehbar genannt sind. 


(5) Vorhandene generische Daten gelten zumeist für deutsche Produktionsverhältnisse und dürfen nicht einfach auf andere Länder übertragen werden


Für deutsche Produktionsverhältnisse relevanten und erstellten generischen „Black-Box-Datensätze“ in Ökobilanzen können nicht einfach auf die Produktion in anderen Ländern übertragen werden, denn dann würde man dann davon ausgehen, dass die dortige Produktion genauso energie-, wasser- und ressourceneffizient ist wie in Deutschland, wovon man nicht automatisch ausgehen kann. Ökobilanzdaten für Baustoffe oder Bauelemente mit einer Fertigung beispielsweise in Polen müssten mit doppelten so hohen CO2 Werten rechnen wie bei einer Produktion in Deutschland.

 

(6) Die Nachnutzbarkeit spielt in Ökobilanzen kaum eine Rolle und wenn ist sie kritisch zu betrachten
 

Die Transporte zum Entsorger basieren in Ökobilanzen nahezu immer auf Standarddatensätzen, die meist von 50 - 100 km Entsorgungsweg ausgehen. Das hat mit der Realität in einem heute mindestens europäischen Markt für Reststoffe und Abfall nichts zu tun. Die Daten unterschätzen auch die Transporte in dieser Lebenszyklusphase beträchtlich.

Die rein theoretischen Daten für den Entsorgungsweg liegen in Studien und Datenbanken bei nahezu allen Baustoffgruppen zwischen 0,43 - 0,72 kg CO2-äqv/m3. Diese theoretischen Werte haben in der CO2 Bilanz keine Bedeutung. In der Realität kann dies jedoch völlig anders sein.

 

Zudem ist unklar, wie die Nachnutzungswege und -möglichkeiten bei einem Bauprodukt sind, das heute eingebaut und in 50 oder mehr Jahren der Nachnutzung zugeführt wird. Jede Bilanzierung von Umweltwerten für die Nachnutzung ist spekulativ. Deshalb geht  die EN Norm hier in der Lebenszyklusphase „C“ (Weg zur Nachnutzung) von „Szenarien“ aus.

 

Für die  Lebenszyklusphase „D“ Nachnutzung werden in Ökobilanzen üblicherweise Standarddatensätze eingesetzt, die gar nicht produktspezifisch sein können.